Wo alles anfing

Hallo liebes Amsterdam,

diese Woche haben wir uns das erste Mal wiedergesehen seit „damals“. Das letzte Mal, als ich bei dir war, konnte ich kaum in den Albert Heijn nebenan gehen, ohne mit einer Panikattacke statt meinem Einkauf wieder rauszukommen. Ich bin auch die weitesten Strecken mit meinem Fahrrad gefahren – nicht weil sich das in Amsterdam nun so gehört, sondern weil ich bloß nicht wieder diese Angst fühlen wollte, die sich in der Bahn immer angeschlichen hat. All diese Erinnerungen lagen immer noch über dir die ganzen Jahre, wie eine alte Staubschicht, die immer dichter wird. Und deshalb war ich ein bisschen aufgeregt wieder herzufahren, wenn ich ehrlich bin. 

Ich bin damals zu dir gekommen, um Menschen aus aller Welt kennenzulernen, um zu feiern und neue Erfahrungen zu machen. Aber eben auch, um vor mir selbst davonzulaufen. Und um nicht mehr an das „Anna, du bist nicht offen“ denken zu müssen, das er mir auf den letzten Metern noch mitgegeben hat. Ich bin nicht offen? Tief drinnen wusste ich ganz genau, was er meint und wollte es doch so überhaupt nicht wahrhaben. Habe mich darüber aufgeregt und wollte mir beweisen, wie wenig richtig er damit liegt. Nur habe ich diese Rechnung ohne das Leben gemacht. Denn bei dir, liebes Amsterdam, bin ich an meinen absoluten Tiefpunkt gekommen. Statt auf coolen Partys zu tanzen, sind bei dir mit der Zeit all meine Schutzdämme zum Einsturz gebracht worden. Und das mussten sie auch, weil ich anders wahrscheinlich nie freiwillig stehengeblieben wäre. Ich habe mich ja schließlich für dich entschieden, um mir selbst zu entkommen – und doch bist du zu dem Ort geworden, an dem ich mich stattdessen endlich wiedergefunden habe. An dem ich mich zum ersten Mal wieder getroffen habe, ganz unerwartet und ehrlich. 

Das hieß vor allem erst einmal, dass ich nicht mehr wusste, wo vorne und wo hinten ist. Und schon gar nicht, wie es mit mir und meinem Leben weitergehen soll. Ich habe mich so verletzlich und roh gefühlt wie noch nie. Doch ich wusste: Ich bin vielleicht noch nicht offen, aber ich möchte auch nicht mehr länger zu sein. Und deshalb muss ich etwas ändern. Ich komme alleine nicht mehr weiter – und das möchte ich auch gar nicht. Denn ich weiß, dass ich Hilfe brauche. Also habe ich dich schon früher verlassen, als ich eigentlich wollte und bin zurück nach Hause gegangen, um dort zur Therapie zu gehen. Um all das in mir heilen zu lassen, was Raum brauchte und um mich selbst immer besser verstehen zu lernen. Und das habe ich in all den Jahren, die seitdem vergangen sind. 

Ich habe mich damals auf den Weg zu mir gemacht, habe viele meiner Themen bereist und dabei spannende Dinge über mich herausgefunden. Ich habe sogar eine ganz neue berufliche Richtung eingeschlagen, aber zu dir bin ich seitdem nie wieder zurückgekommen. Wahrscheinlich weil ich ein bisschen Angst hatte, du könntest mich wieder in die Zeit von damals zurück katapultieren. Als könntest du all das ungeschehen machen, was seitdem passiert ist. Als wäre das alles nur ein Traum gewesen, der zu schön ist, um wahr zu sein. Doch ich träume nicht nur, ich lebe – das hast du mir diese Woche ganz deutlich gezeigt. Ich kann stolz darauf sein, wie weit ich gekommen bin und dass ich immer weitergegangen bin. Und das nochmal so zu spüren, hat einfach nur gut getan.

Ach Amsterdam, ich glaube, wir haben uns noch eine Menge zu erzählen nach der ganzen Zeit. Aber erst einmal bin ich froh, dass wir uns diese Woche wiedergesehen haben und ich über meinen Schatten gesprungen bin. Du hast gut getan, mit all deinen süßen Cafés in Jordaan, mit den Grachten und deinem Charme. Vor allem aber, weil ich dich jetzt endlich wieder von deiner Staubschicht befreien konnte und auch die Erinnerungen an die ganzen schönen Zeiten von damals wieder sichtbar geworden sind. Dass du wichtig für mich warst, das wusste ich schon immer. Aber jetzt kann ich dir endlich auch nochmal sagen, wie dankbar ich bin, dass du der Startpunkt meines Weges warst. Du wirst deshalb immer einen besonderen Platz bei mir haben, das ist sicher. Und dieses Mal dauert es auch nicht mehr so lange, bis ich dich wieder besuchen komme. Versprochen. 

Foto: Ralf Gervink